Für das Praxisteam · MFA und Ärztinnen · Freigegeben am 23. Oktober 2026

Harnwegsinfekt am Tresen und am Telefon

Die Gegenseite der Patientenseite: Was den Infekt kompliziert macht, wer heute kommen muss, welches Antibiotikum erste Wahl ist, wann eine Kultur, und was man sagt, wenn die Patientin die Wahl hat.

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Unkompliziert oder nicht? Die Einordnung

Elf Kriterien. Rot: Notfall. Orange: Pyelonephritis-Verdacht. Gelb: kompliziert, Kultur vor der ersten Gabe.

Trifft eines zu, ist es keine unkomplizierte Zystitis mehr. Nichts angekreuzt bei typischer Klinik (Dysurie, Pollakisurie, Drang, suprapubischer Schmerz): unkompliziert, Teststreifen zur Schwere.

Unkomplizierte Zystitis

Teststreifen zur Einschätzung des Schweregrads (Leukozyten 30/70/200, Erythrozyten, Nitrit) zusammen mit der Beschwerdedauer; keine Kultur. Gemeinsame Entscheidung: symptomatisch mit Ibuprofen (Wiedervorstellung bei Fieber, Flankenschmerz, keiner Besserung nach drei Tagen) oder Antibiotikum erster Wahl. Keine Kontrolle nach Besserung.

Nach S3-Leitlinie Harnwegsinfektionen (AWMF 043-044) und DEGAM-Leitlinie Brennen beim Wasserlassen. Die Einordnung ersetzt nicht die Untersuchung.

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Telefon-Triage in zehn Fragen

Rot: Notruf. Orange: Termin heute mit Urin. Gelb: Termin in den nächsten Tagen. Nichts davon: unkomplizierte Zystitis, Urin vorbeibringen, Entscheidung nach Teststreifen.

Am Telefon der Reihe nach fragen. Beim ersten Ja bei einer roten Frage sofort handeln.

Kein Warnzeichen: eine unkomplizierte Blasenentzündung

Unkomplizierte Zystitis: Mittelstrahlurin vorbeibringen für den Teststreifen; Ärztin entscheidet mit der Patientin nach Streifen und Beschwerdedauer, symptomatisch oder Antibiotikum erster Wahl, Termin nur bei Wunsch oder Unklarheit. Patientenseite nennen (Selbsthilfe, Dauer, Warnzeichen).

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Antibiotika erster Wahl bei unkomplizierter Zystitis

Fünf Wirkstoffe, alle kurz. Die Wahl richtet sich nach Verträglichkeit, Nierenfunktion, Schwangerschaft und dem, was die Patientin zuletzt hatte.

WirkstoffDosisDauerSchwangerschaftHinweis
Fosfomycin-Trometamol3 g einmalig1 TagmöglichAbends nach dem Wasserlassen, Granulat in Wasser. Wirkung setzt langsamer ein; Beschwerden können noch zwei Tage anhalten.
Nitrofurantoin retard100 mg zweimal täglich5 TageneinNicht bei eGFR unter 30. Selten Lungenreaktion; bei Dauergabe Vorsicht. Nicht am Geburtstermin.
Pivmecillinam400 mg dreimal täglich3 TagemöglichGut verträglich, wenig Resistenzen. Nicht bei Carnitinmangel.
Nitroxolin250 mg dreimal täglich5 TageneinFärbt den Urin gelb. Wenig Studien, aber niedrige Resistenz.
Cotrimoxazol960 mg zweimal täglich3 TageneinErste Wahl, wo die E.-coli-Resistenz unter 20 Prozent liegt; in Brandenburg nach unserer Kenntnis der Fall, Praxisstandard. Nicht in der Schwangerschaft, Vorsicht bei Kalium und Niereninsuffizienz.

Nicht erste Wahl

  • Fluorchinolone (Ciprofloxacin, Levofloxacin): Reserve für Pyelonephritis und komplizierte Infekte; Sehnen-, Nerven- und Gefäßschäden, Rote-Hand-Brief 2019.
  • Cephalosporine, Amoxicillin-Clavulansäure: bei unkomplizierter Zystitis vermeiden (Kollateralschaden am Mikrobiom), in der Schwangerschaft eine Option.

Unkomplizierte Zystitis der nicht schwangeren Frau nach S3-Leitlinie Harnwegsinfektionen (Update 2024). Pyelonephritis, Mann, Kind und komplizierte Infekte: nach Kultur und Leitlinie, nicht auf dieser Seite. Fachinformation gilt.

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Wann eine Urinkultur

Der Teststreifen gehört zur Einschätzung des Schweregrads. Die Kultur dann, wenn das Ergebnis die Behandlung ändert.

  • Jedes Kriterium aus der Einordnung oben (Fieber, Flanke, Mann, Schwangerschaft, Kind, Vorerkrankung, Eingriff)
  • Keine Besserung nach drei Tagen Antibiotikum oder Rezidiv innerhalb von zwei Wochen
  • Rezidivierende Infekte: Kultur im Intervall und im Schub, um Erreger und Resistenz zu kennen
  • Vor der Behandlung einer Bakteriurie in der Schwangerschaft und vor urologischen Eingriffen
  • Nicht: Kontrolle nach erfolgreicher Behandlung, nicht bei Bakteriurie ohne Beschwerden außerhalb der Schwangerschaft

Mittelstrahlurin nach Reinigung, innerhalb von zwei Stunden ins Labor oder gekühlt. Teststreifen: Nitrit positiv spricht stark für Bakterien, Nitrit negativ schließt nichts aus (Enterokokken, kurze Blasenverweilzeit).

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Vorbeugung bei rezidivierender Zystitis

Zwei in sechs oder drei in zwölf Monaten. In der Reihenfolge des Besprechens; die Antibiotika-Prophylaxe zuletzt.

Verhalten

Einige Studien, kleine Wirkung

Eineinhalb Liter mehr trinken bei Frauen, die wenig trinken (Hooton 2018: halb so viele Rezidive); Spermizide und Diaphragma ersetzen; Wasserlassen nach dem Sex.

Vaginales Östrogen nach den Wechseljahren

Gut belegt

Estriol lokal als Creme oder Zäpfchen senkt Rezidive deutlich (Cochrane). Kein systemisches Östrogen zu diesem Zweck.

Immunstimulation (OM-89, E.-coli-Lysat)

Einige Studien, kleine Wirkung

Drei Monate täglich; in Metaanalysen etwa ein Drittel weniger Rezidive. Empfehlung der S3-Leitlinie.

Cranberry

Einige Studien, kleine Wirkung

Cochrane 2023: ein Viertel weniger Infekte bei Frauen mit Rezidiven. Dosis und Präparat uneinheitlich.

Antibiotika-Langzeitprophylaxe

Gut belegt

Wirksam, aber mit Resistenzen und Nebenwirkungen; erst, wenn das Übrige versagt. Alternative: postkoitale Einmalgabe oder Selbstbehandlung bei Beginn nach Absprache.

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Textbaustein: Zwei Wege bei der unkomplizierten Blasenentzündung

Zum Vorlesen, Mitgeben oder Kopieren. Gleicher Inhalt wie die Patientenseite, in zwei Minuten.

Sie haben eine Blasenentzündung ohne Warnzeichen. Die ist unangenehm, aber ungefährlich, und Sie haben zwei Wege. Der erste: Ibuprofen nach Packungsbeilage, trinken, abwarten. Zwei von drei Frauen kommen damit ohne Antibiotikum aus; die Beschwerden dauern dann ein bis zwei Tage länger, und etwa drei von hundert bekommen eine Nierenbeckenentzündung, die wir dann behandeln. Der zweite: ein kurzes Antibiotikum, ein bis fünf Tage. Dann sind die meisten nach zwei bis drei Tagen beschwerdefrei; etwa jede Zehnte hat Nebenwirkungen, und die Darmbakterien werden für das nächste Mal etwas widerstandsfähiger. Beides ist richtig. Egal, welchen Weg Sie wählen: Bei Fieber, Schüttelfrost, Schmerzen in der Flanke oder wenn es nach drei Tagen nicht besser ist, rufen Sie an. Dann ist es keine einfache Blasenentzündung mehr.

Verantwortung

Die Einordnung und die Triage sind Gesprächshilfen, keine Diagnose. Im Zweifel gilt: Termin mit Urin. Dosierungen nach S3-Leitlinie Harnwegsinfektionen (AWMF 043-044, Update 2024) und DEGAM-Leitlinie Brennen beim Wasserlassen; die Fachinformation gilt. Fachlich verantwortet von Stefan Höhne, Facharzt für Allgemeinmedizin. Studien wie auf der Patientenseite: Gágyor 2015, Vik 2018, Williams 2023, Hayward 2024, Hooton 2018, Harding 2022.