Wie hoch ist mein Herz-Kreislauf-Risiko — und was folgt daraus?

Fünf Zahlen, ein Zehn-Jahres-Risiko: SCORE2, der europäische Score, für Deutschland kalibriert. Dazu drei Einordnungen, die bei derselben Zahl Verschiedenes empfehlen, das Risikoalter — und was Rauchstopp, Blutdruck und Statin in Menschen von hundert bringen.

Der Kurs dazu. Was ein Score ist, warum drei Leitlinien bei derselben Zahl Verschiedenes sagen, Aufklären mit NNT und Risikoalter — acht Fälle, Quiz, gespeicherter Fortschritt.Zum Kurs →

Beispielfälle

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Knapp 10 % mit 45 — und drei Einordnungen: Die ESC-Prävention 2021 sagte „sehr hoch“ (unter 50 schon ab 7,5 %), das ESC-Lipid-Update 2025 sagt „moderat“ (unter 10 %, ohne Alter), DEGAM sagt Beratung. Sein Risikoalter liegt bei 72. Rauchstopp bringt hier mehr als jedes Medikament — das zeigt die Maßnahmen-Tabelle.

Der Mensch

Region

Deutschland, Österreich, Finnland, Griechenland, Irland, Island, Italien, Portugal, Schweden, Slowenien, Zypern, San Marino

Die Werte

Non-HDL (das, was die ESC-Tabellen benutzen): 213 mg/dl. LDL geht nicht in den Score ein — es ist das Ziel der Therapie, nicht die Eingabe.

Das Zehn-Jahres-Risiko

9,9 %
SCORE2 · Region moderat
Risikoalter 72 — so alt wäre jemand mit günstigen Werten und demselben Risiko
Von 100 Menschen wie diesem bekommen in zehn Jahren etwa 10 einen Herzinfarkt oder Schlaganfall oder sterben an einer Gefäßkrankheit — 90 nicht.

Dieselbe Zahl, drei Einordnungen

Der Score ist eine Messung; die Schwelle ist eine Entscheidung. Drei Leitlinien, drei Entscheidungen — bei derselben Zahl.

ESC/EAS-Lipid-Update 2025 — aktuell
moderat (2 bis unter 10 %) — Lebensstil, Medikamente nach Modifikatoren und Präferenz; LDL-Ziel < 100 mg/dl
Modifikatoren (Lp(a), Kalk-Score, Familienanamnese, Nierenkrankheit, Entzündung …) können eine Stufe höher heben. Autorengruppe überwiegend mit Industrieverbindungen — beim Lesen mitdenken (Track 11).
ESC-Prävention 2021 — altersabhängig, noch in vielen Rechnern
sehr hoch — Schwellen für unter 50: hoch ab 2,5 %, sehr hoch ab 7,5 %
niedrig bis moderathochsehr hoch
DEGAM S3 2025 — Hausarztleitlinie
unter 10 %: kardiovaskuläre Beratung, Lebensstil; keine Medikamente allein wegen des Scores
DEGAM rechnet mit arriba (Herzinfarkt und Schlaganfall); SCORE2 zählt zusätzlich kardiovaskuläre Todesfälle — die Schwellen passen ungefähr, nicht genau. „Altersbezogen deutlich erhöht“ hier: mehr als das Doppelte eines Gleichaltrigen mit günstigen Werten (2,2 %) — trifft zu. Sechs Fachgesellschaften (DGK, DGIM, DDG u. a.) widersprechen den Statin-Empfehlungen der DEGAM.

Was eine Maßnahme bringt — in absoluten Zahlen

Nicht „senkt um 22 %“, sondern: Wie viele von hundert profitieren in zehn Jahren, und wie viele müssen es tun, damit einer profitiert (NNT)? Rauchstopp und Blutdruck rechnet der Score selbst (Was-wäre-wenn), das Statin kommt aus der Metaanalyse.

MaßnahmeRisiko danachweniger je 100NNT / 10 J.Grundlage
Rauchstopp5,3 %4,721Was-wäre-wenn im Score
Blutdruck −10 mmHg (auf 140)8,7 %1,380Was-wäre-wenn im Score
Statin, moderate Fixdosis (LDL −1 mmol/l)7,8 %2,246CTT 2010: −22 % relativ je mmol/l LDL

Die NNT hängt am Ausgangsrisiko: Dieselbe Tablette hat bei 4 % Risiko eine NNT über 100, bei 23 % eine unter 20. Das ist der ganze Grund, warum man das Risiko rechnet, bevor man verordnet.

Der eine Satz, um den alles geht

Der Score ist eine Messung, die Schwelle ist eine Entscheidung. Aus Alter, Geschlecht, Rauchen, Blutdruck und Cholesterin rechnet SCORE2, wie viele von hundert Menschen wie diesem in zehn Jahren ein Herz-Kreislauf-Ereignis haben. Ab welcher Zahl man ein Medikament anbietet, steht in keiner Formel — das legen Leitlinien fest, und die sind sich nicht einig.

Was in den Score eingeht — und was nicht

Alter, Geschlecht, Rauchen, systolischer Blutdruck, Gesamt- und HDL-Cholesterin (die Tabellen der ESC nutzen Non-HDL, die Differenz). Dazu die Region: Deutschland gehört zur Gruppe „moderat“ — dieselben Werte bedeuten in Spanien ein niedrigeres, in Polen ein höheres Risiko, weil die Scores an die Sterblichkeit des Landes angepasst sind. Die Wirkung jedes Faktors nimmt mit dem Alter ab: Rauchen verdoppelt das Risiko mit 45, mit 65 nicht mehr.

Nicht im Score: Familienanamnese, Lipoprotein(a), Kalk-Score, Entzündung, Nierenfunktion, soziale Lage. Die ESC nennt sie „Risikomodifikatoren“, die eine Stufe höher heben können; die DEGAM rät davon ab, sie routinemäßig zu bestimmen. Beides steht hier, weil beides gilt.

Drei Modelle, je nach Mensch

SCORE2 für 40 bis 69 ohne Diabetes. SCORE2-OP für 70 bis 89 — rechnet mit, dass man in dem Alter auch an anderem stirbt, und liefert deshalb trotz hoher Zahlen einen kleineren Nutzen für neue Therapien. SCORE2-Diabetes für Typ-2-Diabetes mit Diagnosealter, HbA1c und eGFR; hier aus den veröffentlichten, gerundeten Hazard Ratios — eine Näherung auf etwa einen Prozentpunkt.

Wo der Score nicht gilt

Bei bekannter Gefäßkrankheit, familiärer Hypercholesterinämie (Gesamtcholesterin über 8 mmol/l, Xanthome, Infarkte in der Familie vor 50), Typ-1-Diabetes, chronischer Nierenkrankheit ab G3b: Das Risiko ist dann per se hoch bis sehr hoch, der Rechner zeigt trotzdem eine Zahl — und die bedeutet nichts.

SCORE2, SCORE2-OP (Eur Heart J 2021) und SCORE2-Diabetes (Eur Heart J 2023); Koeffizienten der ersten beiden gegen eine an MDCalc geprüfte Implementierung abgeglichen. Einordnungen nach ESC-Prävention 2021, ESC/EAS-Lipid-Update 2025 (beide mit überwiegend industrieverbundenen Autoren) und DEGAM S3 053-024 (2025). Statin-Effekt nach CTT 2010. Gilt für Erwachsene von 40 bis 89 ohne bekannte Gefäßkrankheit. Festlegungen und Grenzen in docs/SCORE2_KRITERIEN.md. Lehrmaterial, keine klinische Entscheidungshilfe.

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