Obstruktion, Restriktion oder beides?
Die Spirometrie misst zwei Volumina. Ihr Verhältnis, der Tiffeneau-Index, sagt, ob die Luft nicht herauskommt. Der Vergleich mit dem individuellen Soll sagt, ob die Lunge zu klein oder das Gewebe zu steif ist. Der zweite Durchgang nach dem Spray sagt, ob die Enge umkehrbar ist.
Beispielfälle
Wähl einen Fall — oder stell unten die Werte selbst ein und sieh, wie sich die Schleife verändert.
Der Mensch — daraus folgt die Soll-Schleife
Standard seit 2022, von der ATS seit 2023 empfohlen: ohne Ethnie. Unterschiede erklären sich durch Körperbau und Lebensumstände, nicht durch Herkunft.
Luftdruck, Raumtemperatur und Feuchte gehen als BTPS-Korrektur ins Gerät ein (Volumen bei 37 °C, gesättigt), nicht in den Sollwert. Gewicht steht in keiner Sollwertgleichung — ein hoher BMI drückt aber die Vitalkapazität.
Die Messung
Stell FEV1 und FVC ein und sieh, wie sich das in der Spirometrie-Schleife niederschlägt.
Beide Volumina am Soll, Tiffeneau-Index 82 %. So sieht die Schleife aus, an der man alle anderen misst: steiler Anstieg zum Spitzenfluss, gerader Abfall, unten die Einatmung, geschlossen.
Die Schleife muss geschlossen sein — Ausatmung bis zum Ende, Einatmung bis zum Anfang —, sonst ist die Messung nicht verwertbar. Obstruktion: Spitzenfluss oft erhalten, aber der Abfall hängt durch, weil die kleinen Atemwege bei sinkendem Volumen kollabieren — die Enge zeigt sich in der späten Ausatmung. Restriktion: die ganze Schleife ist kleiner, ohne sich zu verformen.
Werte
| gemessen | Soll | LLN | |
|---|---|---|---|
| FEV1 | 4,10 l 100 % | 4,09 l | 3,25 l |
| FVC | 5,00 l 100 % | 4,99 l | 3,98 l |
| Tiffeneau FEV1/FVC | 82 % | 83 % | 73 % |
Befund
FEV1 4.10 l (100 % des Solls), FVC 5.00 l (100 % des Solls), Tiffeneau-Index FEV1/FVC 82 % bei einer unteren Normgrenze von 73 %.
Kein Hinweis auf Obstruktion oder Restriktion: Der Tiffeneau-Index liegt über der unteren Normgrenze, die Vitalkapazität im Normbereich.
Der eine Satz, um den alles geht
Obstruktion heißt: Die Luft kommt nicht heraus, die Atemwege sind eng. Restriktion heißt: Die Lunge ist zu klein oder das Gewebe zu steif, vernarbt. Der Tiffeneau-Index erkennt das eine, die Vitalkapazität lässt das andere vermuten, beides zusammen gibt es auch — und der zweite Durchgang nach dem Bronchodilatator trennt die umkehrbare Enge des Asthmas von der fixierten der COPD.
So läuft die Messung — und warum drei Versuche
Dreimal ruhig atmen, dann so tief wie möglich einatmen, dann forciert und so lange wie möglich ausatmen — mindestens sechs Sekunden, bis nichts mehr kommt —, dann wieder tief einatmen, damit die Schleife sich schließt. Das Ganze mindestens dreimal. Verwertbar ist die Messung erst mit drei gültigen Versuchen, deren beste FEV1- und FVC-Werte höchstens 150 ml auseinanderliegen (ATS/ERS 2019).
Warum so streng: Die Spirometrie hängt vom Menschen ab wie kaum eine andere Messung. Wer nicht bis zum Ende ausatmet, bekommt eine zu kleine FVC und damit einen zu guten Tiffeneau-Index. Wer zögerlich anfängt, verliert Spitzenfluss. Es gibt einen Lerneffekt — der dritte Versuch ist meist besser als der erste —, und das Ergebnis hängt daran, wie gut die Untersucherin anleitet und ob der Patient mitmacht. Ein einzelner schlechter Wert ist deshalb erst einmal eine schlechte Messung, keine schlechte Lunge.
Das Gerät rechnet die Volumen auf BTPS um — Körpertemperatur, gesättigt, Umgebungsdruck —, weil ausgeatmete Luft im Spirometer abkühlt und schrumpft. Raumtemperatur und Luftdruck gehen dort ein, nicht in den Sollwert.
Wo in der Schleife die Enge sitzt
Die forcierte Ausatmung hat zwei Phasen. Die frühe, bis zum Spitzenfluss, ist anstrengungsabhängig und spiegelt die großen Atemwege. Die späte, der lange Abfall, ist anstrengungsunabhängig: Bei sinkendem Volumen werden die kleinen Atemwege von außen zusammengedrückt, und der Fluss hängt nur noch von ihrer Weite ab. Genau dort zeigt sich die Obstruktion — der Abfall hängt durch, die Schleife wird konkav, während der Spitzenfluss oft fast erhalten bleibt. Bei der Restriktion verformt sich nichts: Die ganze Schleife ist kleiner, oft mit spitzem Gipfel, weil die steife Lunge schnell zurückfedert.
Asthma oder COPD — die Frage nach der Reversibilität
Beides ist Obstruktion. Der Unterschied: Beim Asthma ist die Enge umkehrbar — nach dem Bronchodilatator steigt FEV1 um mindestens 12 % und 200 ml —, bei der COPD ist sie fixiert. So einfach ist es in der Lehre. In der Praxis kann eine COPD teilweise reversibel sein, und ein Asthma zwischen den Anfällen eine völlig normale Schleife haben. Dann braucht es den Verlauf, die Peak-Flow-Variabilität über Wochen oder eine Provokation. Die Reversibilität ist ein starker Hinweis, kein Beweis in beide Richtungen.
Bei der COPD gehören zwei Einteilungen zusammen: der Grad 1 bis 4 nach FEV1, der weiter gilt und sagt, wie schwer die Obstruktion ist, und die Gruppe A, B oder E nach Symptomen und Exazerbationen, die seit 2023 die Therapie bestimmt. Die Gruppe ist dazugekommen, weil nicht die Lungenfunktion über Prognose und Behandlung entscheidet, sondern die Exazerbationen — jede davon kostet Lungenfunktion, die nicht zurückkommt. Deshalb heißt das Ziel: die nächste verhindern.
Wann die Bodyplethysmographie
Die Spirometrie misst nur, was bewegt wird. Was in der Lunge bleibt — das Residualvolumen — und damit die totale Lungenkapazität kennt nur die Bodyplethysmographie, die den Patienten in einer Kabine gegen einen Verschluss atmen lässt. Sie braucht man, um eine Restriktion zu bestätigen (TLC vermindert), eine Überblähung bei COPD nachzuweisen (Residualvolumen erhöht) und den Atemwegswiderstand direkt zu messen — auch bei Menschen, die nicht forciert ausatmen können.
Sollwerte als lineare Näherung an GLI (Global Lung Function Initiative, GLI Global 2022; im Gerät gilt die GLI-Tabelle), Interpretation nach ERS/ATS 2022, Messstandard ATS/ERS 2019, COPD nach GOLD 2025 und NVL COPD, Asthma nach NVL Asthma 2024. Die Schleife ist eine schematische Form, keine Messung. Festlegungen und Grenzen in docs/LUNGE_KRITERIEN.md. Lehrmaterial, keine klinische Entscheidungshilfe.