Werkzeug · Psychologie · für beide Bereiche · Geprüft am 7. Oktober 2026

Bildergeschichten: Was einen antreibt, ohne dass man es weiß

Fragebögen messen, was Menschen über sich denken. Der Picture Story Exercise misst etwas anderes: welche Themen von selbst auftauchen, wenn man zu einem Bild eine Geschichte erzählt. Leistung, Anschluss, Macht. Hier zum Ausprobieren, mit offengelegter Auswertung, und mit allem, was das Verfahren nicht kann.

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Das Werkzeug

Sechs Bilder, je fünf Minuten. Erzählen Sie, nicht beschreiben. Danach sehen Sie die Zählung und jede Zuordnung mit Satz und Begründung.

Sechs Bilder, zu jedem fünf Minuten Zeit für eine Geschichte. Danach werden die Geschichten anonym kodiert, und Sie sehen, welche Motive darin auftauchen, Satz für Satz begründet. Nichts wird gespeichert, es gibt keinen Namen und keine Anmeldung.

So geht es

Sehen Sie sich das Bild kurz an. Dann erzählen Sie eine Geschichte: Was ist vorher passiert? Was geschieht gerade? Was denken und fühlen die Menschen? Wie geht es aus? Es gibt kein richtig oder falsch. Schreiben Sie, was Ihnen einfällt, ohne zu überlegen, wie es wirkt.

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So wird kodiert

Nach dem Manual von David Winter (1994). Ein Kodierer, ob Mensch oder Sprachmodell, liest Satz für Satz und fragt: Taucht hier eines dieser Bilder auf?

Leistung

L1Gütemaßstab

Jemand will etwas gut, besser, schneller, schöner machen oder bewertet eine Leistung an einem Maßstab.

„Sie will, dass es diesmal perfekt wird.“

L2Einzigartige Leistung

Eine Erfindung, ein Werk, eine Tat, die es so noch nicht gab.

„Er baut etwas, das vor ihm niemand gebaut hat.“

L3Ausdauer gegen Widerstand

Langes Dranbleiben, Hindernisse überwinden, um ein Ziel zu erreichen.

„Nach dem dritten Fehlversuch fängt sie noch einmal von vorn an.“

L4Gefühl am Ergebnis

Stolz, Enttäuschung oder Ärger, die sich auf Erfolg oder Misserfolg beziehen.

„Als es endlich klappt, ist er stolz auf sich.“

Anschluss

A1Warmes Gefühl zwischen Menschen

Freundschaft, Zuneigung, Liebe, Freude am Zusammensein werden ausgedrückt.

„Die beiden sind seit Jahren befreundet und froh, sich zu sehen.“

A2Trennungsschmerz

Trauer, Sorge oder Sehnsucht, weil eine Beziehung endet, bedroht ist oder fehlt.

„Er sieht dem Zug nach und weiß nicht, ob sie wiederkommt.“

A3Nähe suchen

Jemand tut etwas, um Nähe herzustellen oder wiederherzustellen: versöhnen, einladen, nachgehen.

„Sie ruft ihn noch am selben Abend an.“

A4Gemeinsames Tun

Menschen tun etwas zusammen, weil sie zusammen sein wollen, nicht weil die Aufgabe es verlangt.

„Sie fahren einfach ohne Ziel los, Hauptsache zu dritt.“

Macht

M1Starkes Handeln

Kraftvolles, entschlossenes Handeln, das auf andere wirkt: angreifen, durchsetzen, überwältigen.

„Er stellt sich vor die Gruppe und bringt sie zum Schweigen.“

M2Einfluss und Kontrolle

Jemand lenkt, überzeugt, organisiert, verhandelt oder kontrolliert andere.

„Sie weiß genau, wie sie die Sitzung zu ihrem Ergebnis bringt.“

M3Ungebetene Hilfe

Hilfe, Rat oder Unterstützung, um die nicht gebeten wurde.

„Er erklärt dem Jungen, wie man das richtig macht.“

M4Eindruck machen

Ansehen, Ruhm, Prestige suchen oder erhalten; beeindrucken wollen.

„Alle im Saal sollen sich an diesen Abend erinnern.“

M5Gefühle auslösen

Jemand löst bei anderen starke Gefühle aus: Angst, Bewunderung, Wut, Begeisterung.

„Sein Blick lässt sie verstummen.“

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Wie gut ist das Verfahren?

Vier Gütekriterien, mit Zahlen. Das dritte ist das interessanteste.

Übereinstimmung der Kodierer

über 0,85

Geschulte Kodierer kommen nach Winters Manual zu sehr ähnlichen Zählungen. Das ist die Stärke des Verfahrens: Die Regeln sind so klar, dass man sie einem Sprachmodell geben kann, und man kann jede Zuordnung am Satz prüfen.

Wiederholung nach Wochen

etwa 0,3 bis 0,6

Wer den Test nach einigen Wochen wiederholt, bekommt ein ähnliches, aber kein gleiches Profil. Geschichten hängen vom Tag ab. Deshalb sechs Bilder, nicht eins, und deshalb nie eine Entscheidung aus einem einzigen Durchgang.

Zusammenhang mit Fragebögen

nahe null

Was Menschen in Fragebögen über ihre Motive angeben, hängt kaum damit zusammen, was in ihren Geschichten steht. Das ist kein Fehler, sondern der Grund für das Verfahren: Fragebögen messen das Selbstbild, der PSE das, was einen antreibt, ohne dass man es weiß.

Vorhersage von Verhalten

belegt, mittlere Stärke

Implizite Motive sagen voraus, was Menschen über lange Zeit tun, wenn niemand sie fragt: Wer sich beruflich nach oben arbeitet, wer Beziehungen hält, wer Risiken sucht. Fragebögen sagen besser voraus, was Menschen tun, wenn man sie bittet.

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Was das Verfahren nicht kann

  • Der PSE misst drei Motive. Er misst keine Intelligenz, keine Persönlichkeitsstörung, keine Krankheit und keine Eignung.
  • Ein Profil aus sechs Geschichten ist eine Momentaufnahme. Entscheidungen über Menschen darf man darauf nicht bauen.
  • Wer weiß, wie kodiert wird, kann Geschichten in eine Richtung schreiben. Das Verfahren wirkt am besten, wenn man einfach erzählt.
  • Die Kodierung durch ein Sprachmodell ist hier offengelegt: Jede Zuordnung steht mit dem Satz und der Regel dabei. Prüfen Sie sie. Wo sie nicht überzeugt, ist die Zählung falsch, nicht Sie.
  • Dieses Werkzeug ist Lehre. Für klinische oder berufliche Diagnostik gehört das Verfahren in die Hand von Fachleuten, mit Normen, Einwilligung und Datenschutz.

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Woher das kommt

Eine kurze Geschichte des Verfahrens.

1935, Harvard: Henry Murray und Christiana Morgan veröffentlichen den Thematischen Apperzeptionstest, eine Serie gezeichneter Tafeln. Die Idee: Wer eine Geschichte erzählt, legt etwas von sich hinein, ohne es zu merken.

1953: David McClelland und John Atkinson machen daraus ein Messverfahren. Statt klinischer Deutung zählen sie: Wie oft taucht Leistung in den Geschichten auf? Später kommen Anschluss und Macht dazu.

1994: David Winter fasst die Kodierregeln in einem Manual zusammen, das für laufenden Text gilt: Geschichten, Reden, Briefe. Seitdem kann man auch Politiker kodieren, ohne dass sie einen Test machen.

Heute: Die Forschung ersetzt die alten Tafeln durch eigene Bildserien, lässt Geschichten tippen oder sprechen, und seit kurzem kodieren Sprachmodelle mit, mit guter Übereinstimmung zu geschulten Menschen. Genau das sehen Sie hier, Satz für Satz.

Quellen: Murray 1943 (TAT-Manual); McClelland, Atkinson, Clark und Lowell 1953; Winter 1994, Manual for scoring motive imagery in running text; Schultheiss und Pang 2007 (Messung impliziter Motive); Spangler 1992 (Metaanalyse zur Vorhersagekraft). Ein Werkzeug für die Lehre, keine Diagnostik.