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Track 12: Nierenfunktion

Was die Niere filtert und warum Kreatinin spät steigt, vier Formeln für drei Fragen, das KDIGO-Raster mit beiden Achsen, das Risiko in Zahlen, die vier Säulen der Therapie mit NNT — und die Dosis, die daran hängt. Mit Werkzeug, acht Fällen und Quiz.

Lektion 1

Was die Niere filtert — und warum Kreatinin spät steigt

Zwei Nieren, jede etwa so groß wie eine Faust, und in beiden zusammen rund zwei Millionen winziger Filter. Jeder heißt Nephron: ein Knäuel feinster Blutgefäße, durch dessen Wand Wasser und kleine gelöste Stoffe hindurchgedrückt werden, und ein langer Kanal, der davon fast alles zurückholt, was der Körper braucht. Was übrig bleibt, ist Urin. Rund 180 Liter werden am Tag so gefiltert, etwa 1,5 Liter verlassen den Körper.

Die eine Zahl: was pro Minute gefiltert wird

Diese Filterleistung heißt GFR, glomeruläre Filtrationsrate, und wird in Millilitern pro Minute angegeben, bezogen auf eine Standard-Körperoberfläche von 1,73 m², damit ein kleiner und ein großer Mensch vergleichbar sind. Ein gesunder Dreißigjähriger liegt bei etwa 100 bis 120. Die Zahl ist das Maß der Nierenfunktion — alles andere, was die Niere tut (Blutdruck steuern, Blutbildung anstoßen, Vitamin D aktivieren, Säure ausscheiden), hängt an dieser Leistung.

Man kann sie nicht messen — nur schätzen

Die GFR direkt zu messen ist aufwendig: Man spritzt einen Stoff, den die Niere nur filtert, und misst über Stunden, wie schnell er verschwindet. Im Alltag nimmt man stattdessen einen Stoff, den der Körper selbst gleichmäßig bildet und die Niere fast nur filtert: Kreatinin, ein Abbauprodukt aus dem Muskel. Je weniger die Niere filtert, desto mehr davon bleibt im Blut. Der Zusammenhang ist eine Hyperbel:

FiltrationKreatinin (Beispiel)Was man sieht
100 %1,0 mg/dlnormal
75 %1,3 mg/dl„leicht erhöht“ — ein Viertel der Filter ist weg
50 %2,0 mg/dlverdoppelt — die Hälfte ist weg
25 %4,0 mg/dlvervierfacht — drei Viertel sind weg

Halbiert sich die Filtration, verdoppelt sich das Kreatinin. Das heißt umgekehrt: Der Anstieg von 1,0 auf 1,3 ist keine Kleinigkeit, sondern der Verlust eines Viertels der Nierenfunktion. Und die Hälfte der Nephrone kann verloren sein, bevor das Kreatinin die obere Normgrenze überschreitet. Deshalb steigt Kreatinin „spät“ — es steigt nicht spät, wir lesen es spät.

Und deshalb reicht die Zahl allein nicht

Kreatinin kommt aus dem Muskel. Ein Kraftsportler bildet viel davon, eine bettlägerige Achtzigjährige wenig. Dasselbe Kreatinin von 1,0 bedeutet bei ihm eine gute Niere und bei ihr eine halbierte. Alter und Geschlecht sind grobe Stellvertreter für die Muskelmasse — und genau die stecken in den Formeln der nächsten Lektion. Wo sie nicht reichen, gibt es einen zweiten Stoff: Cystatin C, das alle kernhaltigen Zellen bilden, unabhängig vom Muskel.

Der eine Satz: Die Niere filtert, und was sie filtert, schätzt man aus einem Stoff, den der Körper gleichmäßig bildet. Halbiert sich die Filtration, verdoppelt sich das Kreatinin — und ohne Alter, Geschlecht und Muskelmasse sagt die Zahl nichts.

Warum das dich angeht

Etwa jeder zehnte Erwachsene hat eine eingeschränkte Nierenfunktion, die meisten wissen es nicht, weil nichts wehtut. Jedes zweite Medikament wird über die Niere ausgeschieden. Wer die eine Zahl lesen kann, erkennt die Krankheit, bevor sie Symptome macht — und dosiert richtig, wenn sie da ist.
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